„Stets um die Rettung unseres Landes“ Was steckt hinter dem Rücktritt von Rüdiger Lucassen? © @Sunitsch
Veröffentlicht am 14/04/2026 um 11:50 von der Redaktion

„Stets um die Rettung unseres Landes“ Was steckt hinter dem Rücktritt von Rüdiger Lucassen?

Eigentlich wollte er ein weiteres Misstrauensvotum vermeiden – Rüdiger Lucassen tritt als verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag zurück.

Die Partei steht wieder einmal im Rampenlicht, doch wie kam es dazu, dass der 74-jährige AfD-Hardliner nun das Handtuch wirft? Ein Blick hinter die Kulissen der jüngsten AfD-Turbulenzen zeigt: Der Machtkampf um die Ausrichtung der Partei ist härter denn je.

Neue Fronten: Westbindung gegen den „Anti-BRD-Sound“

Lucassen galt bislang als einer der profilierten Vertreter einer klaren Westbindung in der AfD. Offen befürwortete er die Partnerschaft mit der NATO und forderte sogar die Rückkehr zur Wehrpflicht – Positionen, die gerade im ostdeutschen Parteiflügel auf Widerstand stoßen. Gegenüber seinen Kritikern sprach Lucassen von einem „Anti-BRD-Sound“, der zunehmend das Bild der Partei präge. So entbrannte ein öffentlicher Streit mit Björn Höcke, dem AfD-Chef in Thüringen. Dieser Disput spielte sich nicht nur abseits, sondern sogar auf der Plattform X ab, wo Parteiinterna offen ausgetragen wurden. Die AfD-Spitze rügte Lucassen darauf, weil er einen Kollegen während einer Plenarsitzung kritisierte. Immer lauter wurden so die Stimmen, die dem westdeutschen Kurs misstrauten und Lucassens Offensive zur Rückbesinnung auf die NATO-Linie ablehnten. Innerparteiliche Diskussionen und der veränderte öffentliche Ton sorgen für eine Aufladung des politischen Klimas innerhalb der AfD, in dem zentrale Fragen mit Vehemenz verhandelt werden. Hinter den Kulissen formierte sich dabei das Lager von Höcke, das laut Quelle den Kurswechsel der Partei hin zu einer kritischen Distanz zum Westen vorantreibt. Lucassen selbst hatte sich nicht gescheut, diese Gruppe frontal anzugehen, und ihr einen „Anti-BRD-Sound“ attestiert.

Der Showdown: Rücktritt, Misstrauensvotum und ein neuer Mann an der Spitze

Am 13. April 2026 reichte Lucassen seine Rücktrittserklärung ein – gerade rechtzeitig, um einer offiziellen Abwahl durch die Fraktion zu entgehen.

Eigentlich war für den 14. April ein internes Misstrauensvotum anberaumt. Die Entscheidung, das Amt abzugeben, fiel also vor dem entscheidenden Gruppentreffen. Laut DIE ZEIT hat Heinrich Koch, Bundestagsabgeordneter, intern besonders Druck gemacht, um Lucassen abzulösen und eine Abstimmung zu erzwingen. In seinem Rücktrittsschreiben an den Fraktionsvorstand machte Lucassen deutlich, dass es für ihn „stets um die Rettung unseres Landes, das sich in schwerer Schieflage befindet“ gegangen sei. Die Leitung des Arbeitskreises Verteidigung übernimmt zunächst Jan Nolte, ein hessischer Abgeordneter, der bis 2024 selbst als Soldat tätig war. Laut Quellen biografischer Angaben begann Nolte seine Soldatenkarriere 2008 und war bis 2024 aktiv tätig. Die endgültige Neubesetzung muss allerdings noch durch die Fraktion bestätigt werden und wird auf der kommenden Sitzung diskutiert. Auffällig ist, wie offen inzwischen parteiinterne Differenzen in der AfD ausgetragen werden. Gerade jüngere Abgeordnete und Mitglieder des Verteidigungsarbeitskreises wünschen sich einen Kurswechsel. Zwischen der Westbindung und der kritikbetonten Ostlinie der Partei prallen nicht nur Weltanschauungen, sondern auch Karrieren aneinander. In dieser Gemengelage steht die AfD vor einer Neudefinition ihrer verteidigungspolitischen Ausrichtung. Zwischen den Zeilen ist erkennbar, dass Lucassen mit seinem Rücktritt auch verhindern wollte, dass die künftige AfD-Linie von persönlichen Machtspielen statt von programmatischer Debatte geprägt wird.

Interne Kämpfe und die Zukunft der Partei

Doch was bleibt zurück in den Reihen der Partei? Der Rücktritt von Lucassen offenbart, wie tief die Gräben innerhalb der AfD inzwischen verlaufen. Der Machtkampf beschäftigt nicht nur den Bundestag, sondern auch viele Mitglieder an der Basis. Kritiker bemängelten vor allem Lucassens Kurs in außen- und sicherheitspolitischen Fragen und sahen in seiner Kommunikation mit anderen Abgeordneten Nachholbedarf. Auch sein Interview mit der Neue Osnabrücker Zeitung zeigte, wie sehr sich Lucassen mittlerweile von der Partei entfremdete. Dort antwortete er auf die Frage, ob er in fünf Jahren noch in der AfD sei, mit:

„Wenn ich ehrlich bin, in gar keiner.“

Für viele in der Fraktion war damit sein Rückzug vorweggenommen. Die aktuelle Debatte zeigt, dass nicht nur über Lucassens Person, sondern über die Linie der Partei, ihre Haltung zur Bundeswehr, zum Staat und zur Demokratie selbst gestritten wird. Eine entscheidende Rolle könnten dabei die bevorstehenden Landtagswahlen, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, spielen. Denn im Schatten interner Machtkämpfe und Offensiven zwischen unterschiedlichen Flügeln steht für die Partei auch ihr öffentliches Bild und der Umgang mit den eigenen Wählern auf dem Spiel. Lucassen selbst erklärte, dass er mit seinem Rücktritt verhindern wolle, dass die Konflikte auf die Wahlchancen der AfD bei den nächsten Landtagswahlen ausstrahlen. Die innerparteiliche Diskussion um die strategische Ausrichtung wird jedenfalls so schnell nicht enden.

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Verwendete Quelle:

AfD: AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen tritt zurück